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Wohnen. Urban und gemeinschaftlich.

Die Stadt stellt das Zentrum modernen Lebens dar. Die Tendenz zur Landflucht und zur zunehmenden Besiedelung urbaner Räumen war in der Geschichte der menschlichen Zivilisation zwar seit jeher ein konstantes Phänomen, doch seit dem Jahr 2008 leben erstmals weltweit mehr Menschen in Städten als in ländlichen Räumen. Diese Entwicklung birgt für zukunftsorientierte Stadtplanung einige Herausforderungen, denn auch wenn sich die meisten Städte konstant ausdehnen, sind es vor allem die bereits ausgewachsenen zentralen Stadtteile, in denen Wohnraum gesucht wird.

Die Innenstadt als Lebensraum hat sich in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder leicht gewandelt. Nachdem sich die Menschen im Mittelalter um die ortsansässigen Kirchen gruppiert hatten, machte der Machtanspruch des Souveräns im Barock die Stadtzentren zu einer beliebten Umgebung. Im 19. Jahrhundert bestimmte außerdem das bürgerliche Selbstverständnis die Entscheidung der Menschen, sich in die Großstädte zu orientieren. Der Umgebung der Ballungsräume, also dem Übergang zwischen urbaner und ruraler Zone kam dabei immer eine besonders privilegierte Stellung zu. Sie war oft der wohlhabenden Bevölkerungsschicht vorbehalten und besonders attraktiv, da sie einen gewissen Abstand zu den durch Industrialisierung und wachsenden Verkehr verschmutzten und überfüllten Innenstädten hielt. Eine ähnliche Haltung wurde auch Anfang des 20. Jahrhunderts von der durch Ebenezer Howard vorangetriebenen Gartenstadtbewegung propagiert. Die Suburbia galt als Lebensraum der Zukunft und Städte wuchsen vornehmlich in die Breite. Die historischen Stadtkerne wurden dafür als zum Wohnen unbrauchbar abgetan und primär als Arbeitsraum verstanden. Erst die nach den Weltkriegen wieder erstarkende Wirtschaft und zunehmende Mobilität zogen die Menschen wieder in die Städte.

Auch Großstädte bieten heute wieder hohe Lebensqualität, setzen auf ausreichend Naherholungsgebiete und zeichnen sich gegenüber ländlichen Gegenden mit größerem Kultur- und Freizeitangebot sowie einer umfassenderen medizinischen Versorgung aus. Besonders auch die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten, Arbeitsplätze und deren Nähe zum eigenen Wohnort motivieren Menschen aller gesellschaftlichen Schichten zum Leben in der Stadt.

Um der stetig wachsenden Einwohnerzahl stadtplanerisch gerecht zu werden, hat sich eine Strategie etabliert, die inzwischen in beinah allen größeren urbanen Gebieten zum Einsatz kommt und wieder verstärkt auf Wohnraum in den inneren Stadtzonen setzt. Die Herausforderung besteht hierbei darin, die schützenswerten etablierten Strukturen bestmöglich zu erhalten und gleichzeitig den begrenzten Raum ökonomischer zu nutzen. Brachen und Baulücken werden gefüllt, Hinterhöfe bebaut und Bestandsgebäude um Anbauten oder zusätzliche Geschosse erweitert. Auf diese Weise werden innerstädtische Wohnräume nachverdichtet und können mehr Menschen aufnehmen.

Linienstraße, Gewers Pudewill
Linienstraße, Gewers Pudewill

Die Entscheidung, in die Stadt zu ziehen, wird keineswegs von den meisten nur aufgrund der Lebensart und des sozialen Austausches getroffen, die hohe Nachfrage nach städtischem Wohnraum hat für viele auch besonders ökonomische Gesichtspunkte. Gut zwei Drittel aller Europäer leben in Stadtrandgebieten und ein ebenso hoher Anteil der Deutschen arbeitet und wohnt in zwei verschiedenen Gemeinden. Alleine in München sind es gut 75%, in Österreich etwas über die Hälfte und auch in der Schweiz ist die Anzahl der Pendler seit 1970 um 40% gestiegen. Laut der Statistiken ist es für die meisten Menschen dabei trotz geringerer Mietpreise nicht günstiger, auf dem Dorf oder in den Vorstädten zu wohnen, da die Einsparungen oft direkt wieder von Mobilitätskosten ausgeglichen werden. Im Gegensatz zu Arbeitnehmenden, die in Nähe zu ihrem Arbeitsplatz wohnen, verlieren Pendler außerdem im Durchschnitt 12 bis 14 Stunden im Monat alleine durch ihren längeren Arbeitsweg. Neben den individuellen Einschränkungen ist selbstverständlich auch die allgemeine logistische und vor allem ökologische Belastung ein schwerwiegender Faktor.

Der hohe und in Zukunft voraussichtlich noch steigende Bedarf an innerstädtischen Wohnsituationen muss also gedeckt werden, ohne dabei die Qualität des Stadtlebens zu beeinträchtigen. In der Praxis steckt hierbei hinter dem Schlüsselbegriff der Nachverdichtung allerdings ein Verfahren, das im jeweiligen Einzelfall eine äußerst individuelle Ausprägung besitzt. Es existiert weder eine Universallösung noch klare Kriterien, nach denen sich erfolgsversprechende Entwürfe messen lassen könnten. Der Charme eines Viertels ist ein über lange Zeit gewachsenes, empfindliches Gut, das durch sich nicht ideal einfügende städtebauliche Neuerungen nachhaltig gestört werden kann. Seine besondere Charakteristik liegt sowohl in seiner Geschichte, als auch in seiner sich ständig im Wandel befindenden gegenwärtigen Bewohnerschaft.

Bei dem Anspruch, nachhaltigen Wohnraum an Orten zu schaffen, die wenig Bauplatz bieten, geht es darum, Konzepte zu erarbeiten, die vor allem Qualität statt Quantität aufweisen und eine Verbindung zu ihrem städtebaulichen und kulturellen Kontext halten. Der gemeinschaftliche Aspekt ist dabei aktuell sowohl von sozialer, als auch von wesentlicher finanzieller Bedeutung. Die Zahl der Städter, die sich in Agglomerationen niedergelassen haben, wird weltweit auf circa 3,5 Milliarden geschätzt und bis 2050 soll sie laut der UNO auf 6,3 Milliarden steigen. Mittlerweile wird in Deutschland daher oftmals Wohnraum in Form von Eigentum oder durch Genossenschaften angeboten, der selbst verwaltet werden kann.

Mosaik Eilenriede, Marazzipaul Architekten
Mosaik Eilenriede, Marazzipaul Architekten

Vor allem in Berlin sind Konzepte, welche die optimale Nutzung von vorhandenem Baugrund anstreben, besonders vielfältig. Es sind auch hier die Eigentumswohnungen, die einen großen Anteil ausmachen, wie das Beispiel des Architekturbüros Gewers ­Pudewill eindrucksvoll zeigt. Exemplarisch für den Bau von Genossenschaftsbauten steht dagegen das Hunziker Areal in Zürich, das von Duplex Architekten entworfen wurde. Hier ist ein Ort geschaffen worden, der, wie auch in den Projekten von zanderroth architekten, Marazzi Paul Architekten oder 3pass Architekt/innen Stadtplaner/innen, öffentliche, halböffentliche und private Zonen kombiniert und so in der wachsenden Dichte der Stadt ausreichend Intimsphäre für die Bewohnerschaft bietet.

Auch ältere Menschen, für die das Leben in der Stadt immer interessanter wird, suchen vermehrt urbane Wohnlösungen. Ihr Nutzungsverhalten stellt selbstverständlich andere Anforderungen an einen Lebensraum, als der Alltag von Wohngemeinschaften oder Geschäftsleuten. Eine beruhigte Lage, Nähe zu Angehörigen, Barrierefreiheit und eine gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel sowie an Pflege- und medizinische Einrichtungen sind hier von großer Bedeutung. Aus diesem Grund sind neben klassischen Stadtwohnungen in diesem Band ebenso Projekte vertreten, die einen Fokus auf altersgerechte Konzepte legen, oder attraktive Architektur für Familien entwickeln. In diesem Zusammenhang sind besonders Lösungen interessant, die über den Einzelbau hinaus als Teil eines funktionierenden Stadtquartiers gedacht wurden und das gemeinschaftliche Leben zur wesentlichen Wohnqualität erheben, wie es bei den Bethanien-Höfen von nps tchoban voss oder dem Mehrgenerationenhaus S29 von Riehle + Assoziierte der Fall ist.

Die Nähe zu alltagsbestimmenden Orten, innovative Raumnutzung und eine gut ausgebaute Infrastruktur sparen Zeit und Geld, stärken die soziale Struktur und sind Faktoren, die zum positiven Wachstum einer Stadt beitragen. Individualisierte Lebensweisen benötigen an ihre spezifischen Bedürfnisse angepasste Wohnangebote und können durch kreative Raumplanung unterstützt werden.